Seit 1804 prägt „De Vrouw Johanna" die Silhouette Emdens. Sie ist die einzige große Windmühle auf dem historischen Stadtwall, deren Flügel sich noch drehen — ein Denkmal vorindustrieller Maschinentechnik, das dank tausender Stunden ehrenamtlicher Arbeit wieder Korn mahlen kann.
Die Vrouw Johanna ist ein dreigeschossiger Galerieholländer aus Backstein und Holz. Auf dem gemauerten Unterbau (12,10 m bis zur Galerie, auch Stelling genannt) sitzt der 11,90 m hohe, reetgedeckte Achtkant. Die Kappe wird seit jeher von Hand über den Steert mit dem Kröjhaspel an seinem unteren Ende in den Wind gedreht — die Mühle wird „in de Wind kröjt". Eine der Ruten, die Hausrute Nr. 893, fertigten die Gebrüder Pot in Elshout bei Kinderdijk um 1880 für 340 Gulden. Heute arbeiten zwei Schrotgänge zum Zerkleinern des Korns und ein Peldegang zum Schälen von Gerste; dessen Peldestein stammt aus der Larrelter Mühle „Kost Winning".
Steert? Kröjhaspel? Königswelle? Die Mühlensprache ist eine eigene Welt. Wählen Sie zwischen der Außenansicht und dem Blick ins Räderwerk — und klicken Sie die goldenen Punkte an: Jedes Bauteil erzählt seine Geschichte, gewürzt mit Originalnotizen aus dem Betriebsbuch.
Sieben Bauteile, sieben Geschichten — vom Flügelkreuz bis zum Steert. Tippen Sie auf einen goldenen Punkt im Bild.
Viele Begriffe stammen aus dem Niederdeutschen und Niederländischen. An der Johanna werden sie bis heute bei Pflege, Führung und Mahlbetrieb verwendet.
| Stelling | Die Galerie, also der umlaufende Arbeitsbalkon. Von hier erreicht der Müller die Flügel und bedient den Steert. |
| Wieken | Die vier Flügel der Mühle. Je zwei gegenüberliegende Flügel sitzen gemeinsam auf einer Rute. |
| Achskopf | Der vordere Kopf der Flügelwelle, an dem die beiden Ruten und damit das Flügelkreuz befestigt sind. |
| Steert | Das Balkenwerk hinter der Kappe. Mit ihm wird die Kappe in den Wind gedreht. |
| Kröjhaspel | Die Drehwinde am Steert. Das Drehen der Kappe heißt auf Platt „in de Wind kröjen“. |
| Söller | Ein Stockwerk beziehungsweise Arbeitsboden innerhalb der Mühle, etwa Mahl-, Stein- oder Kappensöller. |
| Schrotgang | Mahlsteinpaar zum Zerkleinern des Getreides. Die Johanna besitzt zwei davon. |
| Peldegang | Steinpaar zum Schälen von Gerste. So entstehen Graupen; „pellen“ bedeutet schälen. |
| Fange | Die hölzerne Bandbremse um das Kammrad. Mit ihr hält der Müller Flügel und gehendes Werk an. |
| Billen | Das fachgerechte Schärfen der Mahlsteine mit dem Billhammer. |
Schon 1801 wollte der Kaufmann und Rossmüller Viëtor auf dem Wall eine dritte Peldemühle bauen — die Krieg- und Domänenkammer lehnte ab, denn der Platz auf dem „Kornnütjes Zwinger" nordwärts des Nordertors (dem heutigen Marienwehrster Zwinger, bei alten Emdern „Karnütje-Wengel" genannt) sollte meistbietend versteigert werden. Die Emder Müller und die Bäckerzunft liefen Sturm gegen die neue Konkurrenz — vergebens.
Am 1. Februar 1802 erhielt eine Gesellschaft um den Landschaftssekretär C. B. Conring den Zuschlag. Die Konzession vom Dezember 1802 erlaubte den Bau einer „Wind-, Pelde- und Grützmühle" — gegen einen jährlichen Canon von 281 Reichstalern und mit der Auflage, einen „gelernten kundigen Müller-Knecht" zu halten. 1804 errichtete die Gesellschaft Mühle und Müllerhaus; am 20. April 1805 nahm die Mühle ihren Betrieb auf.
1828 wuchs die Eignergemeinschaft („Rhederei") auf zwölf Anteilseigner, deren Gesellschaftsvertrag vom 19. Juni 1828 gleich in § 1 festhielt: „Die Mühle führte bisher und soll auch fernerhin den Namen führen: De Vrouw Johanna." Der Name der guten Frau Johanna ist also älter als jede erhaltene Urkunde — wen er ehrt, bleibt bis heute ihr Geheimnis.
Älteste urkundliche Erwähnung einer Windmühle in Emden („vor der borgh"). Zwischen 1550 und 1600 entstehen rund zehn Windmühlen — die Stadt blüht durch niederländische Glaubensflüchtlinge auf.
Versteigerung des Mühlenplatzes auf dem Kornnütjes-Zwinger am 1. Februar; im Dezember Konzession für eine Wind-, Pelde- und Grützmühle.
Bau von Mühle und Müllerhaus durch die Eignergesellschaft; am 20. April 1805 geht die Mühle in Betrieb. Seit dem 15. Jahrhundert ist Emden bedeutender Mühlenstandort.
Zwölf Anteilseigner schreiben im Gesellschaftsvertrag den Namen „De Vrouw Johanna" fest. Der Pachterlös beträgt 650 Reichstaler in Gold.
Der Müller Hinderk H. Foget kauft die Mühle am 14. März für 21.000 Reichsmark — sie bleibt über Generationen im Besitz der Familie Foget. 1908 hält mit einer Doppelwalzenstuhlanlage und später einem Elektromotor die Technik der Neuzeit Einzug.
Die Müllerfamilie Janssen pachtet die Mühle: erst Reemt Janssen, ab 1950 sein Sohn Reint Janssen — der letzte gewerbliche Müller der Vrouw Johanna (gest. 2007). Sein Bruder Marten fällt 1944 im Krieg.
Nach gut 150 Jahren endet der Mühlenbetrieb. Am 19. November erwirbt der Holzkaufmann Karl Schüür das Anwesen und betreibt dort eine Holzhandlung.
Die Stadt Emden kauft die Mühle am 20. September von Frau Schüür und sichert ihren Erhalt; 1977/78 versetzt der Mühlenbauer Böök aus Dunum Flügelkreuz und Galerie wieder in ordnungsgemäßen Zustand.
Am 16. Juli drehen sich die Flügel zur Probe — zum ersten Mal seit langer Zeit. Am 23. Juli wird die Mühle offiziell wieder in Betrieb genommen; 1985 feiert Emden den 180. Jahrestag der Inbetriebnahme.
Am 24. Oktober wird der Emder Mühlenverein e.V. unter dem Vorsitz von Joachim Frerichs gegründet — mit dem Ziel, die inzwischen schwer geschädigte Mühle umfassend zu restaurieren.
Rückschlag: Der am 8. April aus Sicherheitsgründen abgenommene Achtkant fällt in der Nacht zum 25. Juni einem Brandanschlag zum Opfer. Der Verein lässt ihn nach altem Vorbild neu bauen — mit Reet gedeckt.
Am 13. Oktober hebt ein Autokran den neuen Achtkant und die restaurierte Mühlenkappe auf den Mühlenstumpf. Der steinerne Unterbau erhält eine neue Galerie.
Die Flügelmontage (begonnen am 22. Dezember 1999) wird im Frühjahr vollendet. Am Deutschen Mühlentag, Pfingstmontag 2000, drehen sich die Flügel der Vrouw Johanna wieder — Emden hat seine alte Stadtsilhouette zurück.
Rat und Verwaltung der Stadt Emden ehren den Mühlenverein am 18. Oktober mit der Ratsmedaille in Gold.
Zum 200-jährigen Bestehen richtet Emden am 31. Mai den bundesweiten Auftakt des Deutschen Mühlentages aus — rund 2.000 Gäste. Am 3./4. Juli wird erstmals seit 1956 wieder Weizen zu Mehl gemahlen und zu Brot verbacken.
Restaurierung des Müllerhauses in mehreren Etappen. Insgesamt investiert der Verein in 15 Jahren Bautätigkeit rund 928.000 Euro in Mühle, Stallgebäude und Müllerhaus — davon über 103.000 Euro aus Spenden.
Dietrich Janßen — Mühlenwart und freiwilliger Müller seit den 1980er Jahren und Chronist der Emder Mühlengeschichte — übergibt 2012 sein Amt an Manfred Deke. 2014 wird die Mühle mit der ersten „Kulturwoche" zum Kunstort.
Ein neuer Nutzungsvertrag mit der Stadt sichert die Zukunft. Der Emder Kunstverein zieht ins Müllerhaus ein; beide Vereine arbeiten unter gemeinsamer Führung eng zusammen.
Mühlenflügel sprechen: Ihre Stellung bedeutet weithin sichtbar Freude, Trauer oder eine Arbeitspause. Diese Flügelsprache wird auch heute noch verstanden und bei besonderen Anlässen verwendet. Probieren Sie es aus — klicken Sie die fünf Bedeutungen an:
Im Emder Stadtgebiet tragen heute nur noch zwei Mühlen ihre Flügel: die „Kost Winning" in Larrelt — und De Vrouw Johanna auf dem Wall.
Die Wiedergeburt der Vrouw Johanna verdankt Emden der Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung, der Klosterkammer Hannover, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Bonn, dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Arbeitsamtes/der Agentur für Arbeit Emden, der Jugendwerkstatt der ev.-luth. Kirchengemeinde Emden, der Ausbildungs- und Arbeitsförderungsgesellschaft der Stadt Emden, Rat und Verwaltung der Stadt Emden sowie der Zukunft Emden GmbH — und nicht zuletzt unzähligen privaten Spenderinnen und Spendern.
„Die Vrouw Johanna hat der Stadt Emden einen wichtigen und unübersehbaren Baustein ihrer Stadtsilhouette wiedergegeben."
— aus „Wir über uns", Emder Mühlenverein e.V., 2019. Die historischen Angaben dieser Seite folgen der „Emder Mühlengeschichte" von Dietrich Janßen — dem langjährigen Mühlenwart, der die Urkunden vom 18. Jahrhundert bis heute durchforscht hat.