Wissenswelt · Technik & HandwerkDe Vrouw Johanna · Emden
Eine Maschine ohne Motor

Technik & Baukunst

Eine Windmühle ist Gebäude, Kraftmaschine, Werkstatt und Lagerhaus zugleich. Holz, Stein, Eisen, Schiefer und Reet greifen so genau ineinander, dass Wind am Ende einen drei Tonnen schweren Mahlgang antreibt.

Zum Anklicken

Der Weg der Windkraft

Historisches Achsrad in der Vrouw Johanna

Flügel und Ruten nehmen den Wind auf

Die Segelgatterflügel wandeln die Bewegung der Luft in eine Drehbewegung. Je zwei gegenüberliegende Flügel gehören zu einer Rute. Beide Ruten werden durch den Achskopf gesteckt und im Achskopf mit Holzkeilen festgesetzt.

Holz ist nicht gleich Holz

Materialien und ihre Aufgaben

Backstein & Mörtel
Unterbau · Mauern

Der konische Unterbau trägt die gesamte Mühle und widersteht Winddruck und Schwingungen. Unten sind die Mauern stärker als oben. Maurer mussten rund, lotrecht und mit genau gesetzten Öffnungen arbeiten.

Schweres Bauholz
Achtkant · Kappe · Böden

Ständer, Balken und Streben bilden ein räumliches Fachwerk. Zimmerleute verbanden viele Teile mit Zapfen, Blättern und Holznägeln – lösbar, reparierbar und zugleich elastisch.

Weißbuche
Zahnkämme

Die 101 Kämme des Stirnrades bestehen laut Rundgang-Unterlage aus Weißbuchenholz. Dieses harte, verschleißfeste Holz lässt sich einzeln ersetzen und wird mit Bienenwachs oder Vaseline gepflegt.

Eisen
Flügelwelle · Beschläge · Wellen

Die Unterlagen der Johanna bezeichnen die Flügelwelle als eiserne Mühlenachse. Historische Wellen konnten geschmiedet oder gegossen sein; für die Johanna wird nur dort „gegossen“ gesagt, wo ein Bauteilnachweis das ausdrücklich bestätigt.

Schiefer & Rindertalg
Katzenstein · Gleitlager

Die eiserne Achse liegt in der Kappe auf dem Katzenstein aus Schiefer. Rindertalg im Schmierkasten vermindert Reibung; ein zusätzliches Gewicht sorgt für eine fortlaufende Schmierung.

Sandstein
Mahlgänge

Läufer- und Liggerstein haben etwa 1,50 Meter Durchmesser und wiegen als Paar ungefähr drei Tonnen. Der Müller schärfte ihre Mahlflächen mit dem Billhammer.

Reet
Achtkant & Kappe

Reet bildet eine leichte, wetterabweisende Haut. Reetdecker müssen Anschlüsse, Kanten und Rundungen so dicht ausführen, dass Sturm und Schlagregen draußen bleiben.

Segeltuch
Flügelbespannung

Der Müller passt die Segelfläche dem Wind an. Das Tuch muss kräftig, reparierbar und sicher verschnürt sein – zu viel Segel bei starkem Wind gefährdet die Mühle.

Gebaut von vielen Gewerken

Handwerkskunst einer Windmühle

Mühlenbauer

Entwarf Kraftweg, Übersetzung und Mahltechnik und passte alle beweglichen Teile aufeinander an.

Zimmerleute

Richteten Achtkant, Kappe, Böden, Ruten und große hölzerne Räder mit komplexen Holzverbindungen.

Maurer

Errichteten den konischen Backsteinunterbau mit Durchfahrt, Fenstern, Balkenauflagern und tragfähigem Mauerverband.

Schmiede & Gießereien

Fertigten Achsen, Beschläge, Bolzen, Lagerteile und weitere hoch belastete Metallbauteile.

Steinhauer

Richteten Mahlsteine ab und arbeiteten Furchen ein; später schärfte der Müller sie regelmäßig nach.

Reetdecker & Segelmacher

Schützten Achtkant und Kappe vor Wetter und lieferten die textile Arbeitsfläche der Flügel.

Warum so viel Holz? Holz war verfügbar, elastisch und vor Ort zu bearbeiten. Ein beschädigter Zahn musste nicht das ganze Rad unbrauchbar machen: Der Müller konnte einen einzelnen Kamm ersetzen. Die Mühle war auf Wartung und jahrzehntelange Reparatur ausgelegt.
Ohne modernen Baukran

Wie kamen die schweren Balken nach oben?

Vom Bau der Johanna 1804 ist kein vollständiges Bautagebuch erhalten. Historische Mühlenbauer lösten solche Aufgaben jedoch mit einer Kombination aus Gerüsten, Hebebäumen, Flaschenzügen, Winden und sehr genauer Vorbereitung. Nicht ein einzelner Mensch hob den Balken – Seile und Rollen vervielfachten die Zugkraft einer ganzen Mannschaft.

Unten anpassen

Zimmerleute bearbeiteten Balken möglichst am Boden. Zapfen, Zapfenlöcher und Markierungen wurden vor dem Heben geprüft, damit das schwere Teil oben sofort passte.

Gerüst und Hebebaum

Ein kräftiges Gerüst trug einen hohen Hebebaum oder eine einfache Hebekonstruktion über der Einbaustelle. Sie leitete die Last sicher nach unten ab.

Flaschenzug anschlagen

Mehrere Rollen führten ein langes Hanfseil. Jede zusätzliche tragende Seilstrecke verringerte die nötige Zugkraft – dafür musste mehr Seil bewegt werden.

Mit Winde hochziehen

Arbeiter bedienten eine Handwinde, Spill- oder Haspelkonstruktion. Andere führten den Balken mit Leitseilen, damit er nicht pendelte oder gegen das Mauerwerk schlug.

Fügen und sichern

Oben wurde der Balken in seine Holzverbindung abgesenkt, mit Holznägeln, Keilen oder eisernen Beschlägen gesichert. Danach konnte die Konstruktion selbst den nächsten Hub mittragen.

Der entscheidende Trick: Der Achtkant wurde nicht als fertiger Turm hochgehoben. Die Zimmerleute errichteten das Tragwerk Schritt für Schritt. Bereits gesetzte Balken und temporäre Verstrebungen stabilisierten den nächsten Bauabschnitt. Besonders große Baugruppen konnten zunächst am Boden vormontiert und anschließend kontrolliert aufgerichtet werden.
Säcke, Lasten und Lager

Der Materialfluss in der Mühle

Durchfahrt

Als Durchfahrtholländer ließ die Johanna Pferdefuhrwerke in den Unterbau fahren. Korn wurde wettergeschützt abgeladen, Mehl wieder aufgeladen. Historisches Hochkantpflaster ist erhalten.

Sackkarre

Auf den Böden bewegten Müller schwere Säcke mit zweirädrigen Sackkarren. Die Last bleibt nahe an der Achse – so muss der Mensch weniger Gewicht tragen, aber sicher ausbalancieren.

Sackaufzug

Ein kraftbetriebener Aufzug befördert Säcke durch Bodenluken nach oben. So wird die Windkraft nicht nur zum Mahlen, sondern auch für den inneren Transport genutzt.

Mehlpiepen

Holzverkleidete Abgänge führten Mehl, Dunst, Kleie, Grieß und Graupen zum Mehlsöller. Dort wurden die Produkte direkt in Säcke abgefüllt.

50 oder 75 Kilogramm

Im Hochbetrieb nahm ein Müllergeselle laut Rundgang-Unterlage etwa alle fünf Minuten einen vollen Sack ab und befestigte einen leeren.

Kornlagerung

Korn musste trocken, luftig und vor Schädlingen geschützt lagern. Säcke und hölzerne Behälter durften keine Feuchtigkeit aufnehmen; regelmäßige Kontrolle gehörte zur Arbeit.

Originalbilder aus der Johanna

Technik genau ansehen

Rollenlager unter der Kappe
33 Rollenlager tragen die fast 20 Tonnen schwere Kappe.
Katzenstein als Lager der eisernen Achse
Katzenstein aus Schiefer und Schmierung der eisernen Achse.
Stirnrad und Königswelle
Stirnrad mit Weißbuchenkämmen und hölzerner Königswelle.
Mahlgang aus Sandsteinen
Mahlgang aus Sandsteinen auf dem Steinsöller.
Mehlsöller mit Abfüllung
Am Mehlsöller wurden die Produkte in schwere Säcke abgefüllt.
Historische Durchfahrt der Mühle
Durchfahrt mit historischem Hochkantpflaster für Pferdefuhrwerke.

Quelle der technischen Detailangaben und Bilder: historischer Fotorundgang des Emder Mühlenvereins, zusammengestellt von Dietrich Janßen.